Wenn das Milizsystem zur Karrierearchitektur wird
Wenn Milizpolitik zur Laufbahnlogik wird, reicht Legalität nicht mehr aus. Der Fall Hergiswil zeigt, weshalb Nidwalden über Doppelmandate, berufliche Nähe und öffentliche Rechenschaft sprechen muss: fast 35 Prozent höhere Bildungskosten pro Schüler:in, gleiche Lehrkräftedichte wie der Median, aber kein entsprechend klarer Spitzenwert beim ausgewiesenen Bildungserfolg. Kein Fehlverhalten. Kein Führungsurteil. Aber ein klarer Fall von Erklärungsbedarf.
Das Schweizer Milizsystem lebt von einer einfachen Idee: Bürger übernehmen Verantwortung und bringen ihre Erfahrung aus dem Alltag in die Politik ein. Nicht als Berufspolitiker oder als dauerhafte Aufstiegsstruktur, sondern als Dienst an der Gemeinschaft.
Die Debatte um Doppelmandate berühren den Kern des Systems und sind mehr als nur eine formale Frage der Vereinbarkeit. Die entscheidende Frage lautet nicht nur: Darf jemand mehrere Ämter gleichzeitig ausüben? Die Frage lautet auch: Ab wann wird aus Bürgerdienst politische Laufbahnlogik?
Die Debatte könnte einen Namen erhalten
Lex Rogenmoser
Nicht als Sonderregel oder Kampagne gegen eine Person. Sondern als Begriff für eine notwendige Diskussion über Mandatskumulation, berufliche Nähe, Kosten-Leistungs-Transparenz und politische Aufstiegspfade im Milizsystem.
In kleinen Kantonen ist Politik besonders persönlich. Man kennt sich. Man begegnet sich in Gemeinden, Parteien, Kommissionen, Behörden, Vereinen und beim Einkaufen. Nähe schafft Verantwortung, was eine Stärke darstellt. “The Dark Side of the Moon” zu dieser Stärke ist wenn Gemeindeexekutive, Kantonsparlament, Parteifunktion, berufliche Positionierung und öffentliche Sichtbarkeit ineinandergreifen. Da entsteht aus Milizpolitik, Karrierearchitektur. Gemeint ist eine Struktur:
Mandate schaffen Sichtbarkeit
Sichtbarkeit schafft Netzwerke
Netzwerke begünstigen den nächsten politischen Schritt.
Warum man früh hinschauen muss
Politische Laufbahnen beginnen selten erst mit einer offiziellen Kandidatur. Sie entstehen viel früher durch Funktionen, Themenbesetzung, Netzwerke und das schrittweise Entstehen eines
Kompetenznarrativs.
Gerade bei der FDP Nidwalden könnten in den kommenden Jahren höhere politische Vakanzen relevant werden — im Regierungsrat und auch in der Bundesvertretung. In einem kleinen Kanton genügt es deshalb nicht, erst dann hinzuschauen, wenn eine Kandidatur offiziell angekündigt ist. Dann ist das Profil meist längst gebaut. Dann erscheint jemand bereits als „vernünftig“, „kompetent“ und „natürlich“.
Genau deshalb muss Rechenschaft früher beginnen. Nicht als persönliche Kampagne. Sondern als demokratische Hygiene.
Der Fall Hergiswil
Besonders sichtbar wird diese Systemfrage dort, wo politische Verantwortung und berufliche Positionierung eng beieinanderliegen. Ein Beispiel dafür ist die Bildungsdebatte in Hergiswil.
Die vorliegenden HRM2-Daten zeigen: Hergiswil weist seit Jahren eine hohe Kostenstruktur in der obligatorischen Schule auf. 2019 lagen die Bildungsausgaben bei CHF 11.83 Mio., 2024 bei CHF 12.46 Mio.. Für 2025 werden sogar CHF 13.55 Mio. ausgewiesen.

Wichtig ist dabei: 2025 ist keine Schätzung, sondern eine Jahresrechnungszahl. Sie ist für den Gesamtaufwand verwendbar. Für einen Pro-Kopf-Vergleich wird 2025 hier jedoch nicht verwendet, weil in der ausgewiesenen Datenreihe keine gleich belastbare Schülerbasis vorliegt.
Noch schärfer wird der Befund beim Pro-Kopf-Wert. 2024 lagen die Bildungsausgaben bei CHF 29’738 pro Schüler. Der Nidwaldner Median liegt bei CHF 22’048.
Das ist eine Differenz von CHF 7’690 pro Schüler — oder knapp 35% über dem Median.

Hohe Bildungsausgaben sind nicht automatisch falsch. Eine Gemeinde kann bewusst mehr in Bildung investieren. Infrastruktur, Förderangebote, Betreuung, Liegenschaften oder besondere Strukturen können Kosten erklären. Aber genau deshalb braucht es Transparenz.
Der grösste Kostenblock: Personal
Der Blick in die Kostenstruktur zeigt, dass es nicht um einen kleinen Nebenposten geht. 2024 entfallen CHF 8.52 Mio. auf Personalaufwand. Das sind 68.4 Prozent des gesamten Bildungstotals. Pro Schüler:in entspricht das CHF 20’336.
2025 setzt sich diese Entwicklung fort: Der Personalaufwand steigt auf rund CHF 9.39 Mio. und erreicht 69.3 Prozent des Bildungstotals. Die Jahresrechnung 2025 weist für Bildung / obligatorische Schule CHF 13’545 Mio. Aufwand aus; in den Detailpositionen werden unter anderem die Personalaufwände für Eingangsstufe, Primarstufe, Tagesbetreuung und übrige obligatorische Schule ausgewiesen.

Die Kostenstruktur ist damit wesentlich personalgetrieben. Gleichzeitig machen auch die Schulliegenschaften mit CHF 3.36 Mio. beziehungsweise 27% des Bildungstotals einen erheblichen Block aus.

Diese Zahlen beweisen kein Fehlverhalten. Aber sie zeigen:
Die Kostenfrage ist nicht erfunden. Sie ist strukturell sichtbar.
Nicht schlecht. Aber auch nicht Spitze.
Hier muss man präzise bleiben. Hergiswil ist beim ausgewiesenen Bildungserfolg nicht schlecht. Die High-Track-Quote liegt bei 26.3% und damit über dem Nidwaldner Median von 23.4%.

Die High-Track-Quote bezeichnet hier den Anteil der Übertritte in anspruchsvollere Bildungswege: Mittelschule, KOS A und KOS B. Sie ist kein Gesamturteil über Schulqualität. Sie misst nicht Unterrichtskultur, Integration, Förderung oder pädagogische Stabilität. Aber sie ist ein vergleichbarer Leistungsindikator und darum politisch relevant.
Hergiswil liegt zwar über dem Median, aber nicht klar an der Spitze. Stansstad und Buochs liegen deutlich höher. Dallenwil ebenfalls. Die Frage lautet deshalb:
Rechtfertigt ein nur moderat überdurchschnittlicher Übergangserfolg Bildungskosten, die fast 35% über dem Median liegen?
Noch deutlicher wird die Kosten-Leistungs-Frage bei den Kosten pro High-Track-Promotion. Hergiswil liegt hier gemäss den vorliegenden Daten bei rund CHF 1.25 Mio. Der Nidwaldner Median liegt bei rund CHF 1.12 Mio. Das sind rund CHF 123’000 mehr pro High-Track-Promotion — etwa 11 Prozent über dem Median.

Diese Kennzahl misst nicht die ganze Qualität einer Schule. Aber sie verbindet den öffentlichen Mitteleinsatz mit einem konkreten Übergangsindikator. Genau dort entsteht der Erklärungsbedarf.
Die Verantwortungskonstellation
Im Fall Hergiswil kommt hinzu, dass Daniel Rogenmoser Gemeindepräsident ist, für die Legislatur 2026–2030 in den Landrat einzieht und mit Werkstatt Artemis beruflich im Bildungsbereich tätig ist. Diese Konstellation ist für sich genommen nicht unzulässig. Sie ist aber politisch relevant.
Sie zeigt exemplarisch, wie eng in einem kleinen Kanton politische Verantwortung, fachliche Positionierung, parteipolitische Sichtbarkeit und öffentliche Ressourcen ineinandergreifen können. Es geht nicht darum, einer einzelnen Person allein die Bildungskosten einer Gemeinde zuzuschreiben. Gemeindefinanzen entstehen durch politische Beschlüsse, Verwaltung, Schulstrukturen, gesetzliche Vorgaben und längerfristige Entwicklungen. Aber wer öffentliche Führung beansprucht, muss sich Fragen zur Wirkung öffentlicher Mittel gefallen lassen. Gerade dann, wenn politische Funktionen, berufliche Nähe und mögliche höhere Laufbahnperspektiven zusammenkommen.
Nicht Verbote zuerst. Transparenz zuerst.
Nidwalden braucht keine Moraldebatte über einzelne Personen. Nidwalden und die Schweiz brauchen eine Debatte über das Milizsystem im 21. Jahrhundert.
Wie transparent sind Mandatskumulationen und berufliche Interessenfelder?
Wie systematisch werden Kosten und Wirkung in zentralen Politikbereichen wie Bildung verglichen?
Wie verhindert ein kleiner Kanton, dass politische Nähe, fachliche Positionierung und Laufbahnlogik unbemerkt zu einer Machtstruktur werden?
Der Fall Hergiswil in Nidwalden zeigt, warum diese Fragen wichtig sind. Eine Gemeinde mit fast CHF 30’000 Bildungskosten pro Schüler:in, einem High-Track-Wert nur moderat über dem Median und überdurchschnittlichen Kosten pro High-Track-Promotion muss erklären können, weshalb dieses Verhältnis stimmt.
Denn das Milizsystem stirbt nicht durch Doppelmandate. Es erodiert dort, wo Rollen unklar werden, Kosten nicht erklärt werden und politische Laufbahnlogik nicht mehr klar von Bürgerdienst unterscheidbar ist.
Die Lex Rogenmoser wäre keine Abrechnung mit einem Politiker. Sie wäre ein Test, ob Nidwalden die Schweiz das Milizsystem noch ernst genug nimmt, um seine Grauzonen offen zu diskutieren.
